Meiner Meinung nach hat mein Blog in letzter Zeit sehr an Polemik verloren. Eigentlich wird es schon seit einem Jahr eher ruhig hier. Nicht nur, dass ich nicht mehr so viel schreibe wie vorher, auch das, was ich schreibe ist lasch. Es wird mal wieder Zeit für etwas Unangebrachtes. Zur Zeit lese ich wieder mal Houellebecq, schaue mir alte Videos von Schlingensief und Interviews mit Christian Kracht an. Das sind alles Menschen, die sagen was sie denken. Oder zumindest Menschen, die sagen können, was sie denken. Schlingensief hat kein Problem damit, sich unbeliebt zu machen, es scheint sogar Teil dessen zu sein, wofür er steht. Ich habe mir ein paar alte Folgen von Talk 2000 angeschaut, der Sendung, die er mal hatte, und das, was er da so vor zehn Jahren so getrieben hat ist einfach unvergleichlich mit den heutigen Talkshows, die man auf den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten findet. Heutzutage kann man sich abends solche Gutmenschen wie Kerner und Beckmann anhören, die nur darauf bedacht sind ihr Gegenüber ausreichend zu Wort kommen zu lassen, brisante Themen nur peripher anzuschneiden und im Ganzen doch ein gutes Bild von sich und dem Gast zu hinterlassen. Was soll das?
Ja, ich weiß, öffentliches Bloßstellen ist seit den 90er-Jahren eher aus der Mode gekommen. Der öffentliche Pranger, den es damals noch in Form von Nachmittags-Talkshows gab, ist so gut wie komplett vertilgt und jetzt zum größten Teil gestellt. Schade. Es gibt zwar noch TV Total, doch da leiden meistens die bekannten Gesichter, ebenso wie bei Kalkhofes Mattscheibe. Wie langweilig. Die Stimme des Volkes scheint immer noch die BILD zu sein. Meine Position dazu habe ich schon erläutert. Kurzum denke ich einfach, dass es trotzdem viele Menschen gibt, die gehört werden müssen und einfach nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Meinung irgendwie kund zu tun. Gebt dem Pöbel die Talkshows wieder. Man müsste das alles aber in einem anderen Rahmen aufziehen. Es müsste mehr von dem Publikum hereingerufen werden dürfen; der Talkmaster sollte dann bei dem ganzen Trubel einfach nur darauf achten, dass jeder zu Wort kommt, nicht alle durcheinander rufen und der intelligente Zuschauer seinen Spaß haben kann, was da doch für unfassbares Halbwissen und Parolen gerufen werden, ohne dass irgendeiner der Anwesenden weiß, wie dumm das doch ist, was sie da so sagen. Es wäre ein Spaß, Entertainment für die bildungsnahe Schicht. Für sie würde es dann weiterhin ihrer Polit-Talkshows geben.
Trotzdem glaube ich nicht, dass sowas Erfolg hätte. Man muss zwar zugegeben, wenn man mal ganz ehrlich zu sich selber ist und sein Denken mal von Moral und Ethik ablöst, dass Leid und Dummheit der anderen einen selbst erfreut; doch es muss immer den passenden Rahmen haben. Ich kann darüber lachen, wie jemand die BILD zitiert, das für Wahrheit hält, seine Arme verschränkt und sich mit einem allwissenden Grinsen zurück in seinen Sessel lehnt. Ich kann darüber lachen, wie jemand vor eine Glastür läuft. Aber das leid, wie es den Leuten in Houellebecqs Büchern widerfährt kann ich nicht amüsant finden. Ich hoffe, man versteht, was ich meine. Mittlerweile habe selbst ich den Faden verloren, doch das ist nicht schlimm.
Alles, was ich sagen will ist, dass das Privatfernsehen die Pest ist. Zwar ist es der beste, billigste Zirkus von Abnormitäten, die perfekte Freakshow und Heilmittel für gestörte Persönlichkeiten, doch genau das macht das Privatfernsehen zu der gefährlichsten Krankheit der Gesellschaft. Das Fernseher als Fenster in die Welt, als Spiegel der Realität? Lächerlich!
Wie mir mein Studium zeigt, führt das Fernsehen zur krassen Realitätsverzerrungen. Da in der amerikanischen Serie COPS, die sehr erfolgreich zu laufen scheint, meistens Schwarze verhaftet werden, denken befragte Amerikaner, dass Schwarze einen überproportionalen Teil der Bevölkerung ausmachen würden und dass Polizisten zu einer der größten Berufsgruppen zählen würden. So viel dazu. Der deutsche, der braun-konservative Deutsche mag dazu sagen, dass die Amerikaner an sich dumm und verblendet vom Fernsehen seien. Aber trifft das auf die Deutschen nicht zu? Pah, daran mag ich gar keinen Gedanken verschwenden! Ich für meinen Teil habe keinen Fernseher in meiner Wohnung. Und den Fernseher, den ich besitze versorgt mich nur noch mit einem TV-Sender, den ich besonderen kulturellen Inhalt beimesse. Das ist gut so.
Aber ich schaue auch Privatfernsehen, wenn sich dafür die Möglichkeit ergibt. Ich hoffe dadurch einen Einblick in das Leben der minderbemittelten und stark geltungsbedürftigen Menschen meines Landes zu erhaschen, die unbedingt zeigen wollen, dass sie zum Beispiel als ehemalige High-Class-Nutte jetzt schon ihr viertes Kind vom dritten Mann bekommen und trotz Beihilfe vom Staat gut zurecht kommen. Dank Telefonsex. Herzlichen Glückwunsch! Ebenso finde ich es toll, wie der Türke, der dank eines Fernsehsenders in die engere Auswahl um eine Ausbildung zum Frisör gekommen ist, diese Stelle ablehnt, da ihm die Anfahrt zur Arbeit zu lang wäre. Applaus, Applaus, Applaus!
Trotz allem möchte ich nicht falsch verstanden werden. Ich stelle mich nicht über das alles. Ich bin Teil dessen, was so in der Medienlandschaft passiert und ich billige es. Weder möchte ich es verändern, noch möchte ich es verbesser. An sich möchte ich nur wissen, wohin das doch alles führt. Wann sehe ich Morde? Oder wendet sich alles zum besseren. Man weiß, dass aufgrund des verbesserten Schulsystem der IQ Jahr für Jahr steigt, bzw gestiegen ist, - Gesellschaft wird also klüger. Verhilft einem das zur Hoffnung? Mir schon. Aber ich warte einfach ab.
Ich ignoriere das, was mir nicht gefällt und warte ab. Drei Mal im Jahr werde ich schauen, wie sich alles verändert und verändert hat und ich werde begeistert sein. Wobei "begeistert sein" nicht negativ noch positiv gemeint ist. Viel mehr werde ich gespannt sein; gespannt auf das was war und gekommen ist. Frohes Neues Jahr!